Warnfried Dettling
Unsere Arbeitsgesellschaft ist - auch als Wohlfahrtsgesellschaft - in der
zweiten industriellen Revolution begründet. Es bestand eine Gesellschaftsstruktur
der Klassen. Die Gesellschaftsklassen waren abhängig voneinander,
die Unternehmen von der Arbeiterklasse und umgekehrt. Reformorientierte
Politiker waren durchaus daran interessiert, daß Staat und Wirtschaft
in sozialen Frieden gedieh. Politiker, Unternehmer und Arbeitsvertreter
einigten sich zum Vorteil jeder der vertretenen Gruppierungen. Es wurden
Grundlagen unserer Sozialgesetze geschaffen.
Der Wirtschaftsboom nach dem 2. Weltkrieg gewährte die Ausweitung der sozialen Versorgung. Die Arbeitslebensläufe waren geradlinig, es war eine Gesellschaft mit abschätzbaren Risiken - Die Vollbeschäftigung, das genormte Sozialgefüge, produzierte Kaufkraft, soziale Sicherheit und Frieden. Mindestens für den männlichen Teil der Bevölkerung. Die Frau kümmerte sich um die Küche und Kind, der Mann ging Geld verdienen. Doch dieser Rhythmus ist von gestern. Warnfried Dettling stellt fest: Die technologische Entwicklung und die Globalisierung haben alles verändert. Die gegenseitige Abhängigkeit von Arm und Reich ist aufgehoben, die einmal zur Grundlage für Sozialleistungen und Solidarität wurde.
Durch den Verlust der Vollbeschäftigung kommt es auch zum Verlust
gesellschaftlicher Solidarität, denn das staatliche Sozialsystem gerät
aus den Fugen: Immer mehr Ausgaben bei immer weniger Einnahmen. Es tritt
Angst und Unsicherheit vor der Globalisierung und jeder Form der Veränderung
der Arbeitsgesellschaft ein.
Doch eine Rückkehr zur Vollbeschäftigung im Rahmen bestehender
Wirtschaftsstrukturen ist nicht möglich. Die Politik hat dieses Tatsache
bisher verschwiegen - Globalisierung, Digitalisierung und Individualisierung,
die unsere Gesellschaft so eindrücklich verändert haben, sind
durch die enorme Beschleunigung, mit der sie sich durchgesetzt haben, qualitativ
grundsätzlich anders als vorherige Veränderungen in der Gesellschaft.
Diese Entwicklungen bergen aber auch neue Ansätze:
- Die Globalisierung beinhaltet die Aufwertung des kleinen Raumes.
- Die Digitalisierung führt wieder zur Hinwendung zu Glaubenssystemen.
- Die Individualisierung löst eine Suche nach neuen Formen vom Gemeinschaft
und Solidarität aus.
Unsere veränderte Arbeits- und Lebenswelt hat auch einen Wandel des
privaten, besonders der familiären Beziehungen bewirkt. Im Rahmen
der Alltagssolidarität ist die Familie wichtig. Die Familiengründung
und das "Familienleben" gestaltet sich in der gegenwärtigen
Erwerbsarbeitsgesellschaft besonders schwierig. Viele Frauen sind erwerbstätig,
die Geschlechterbalance hat sich zu ihren Gunsten verschoben in Bezug auf
Macht, Einkommen und Entscheidungsspielraum. Dafür wurde ein hoher
Preis bezahlt, auch von den Männern. Alltagssolidarität in dieser
Form braucht zur Entfaltung finanzielle und staatliche Unterstützung.
Die Trennung und Spannungen zwischen Leben und Arbeiten, zwischen Beruf
und Familie, zwischen Lebensweisen und Geschlechtern sollten in einer zukünftigen
Gesellschaft leichter zu überwinden sein.
Deutschland, wie andere Industriegesellschaften auch, muß einen "Umbruch der Zivilisation" bewältigen. Dettling setzt den gegenwärtigen Umbruch gleich mit dem Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft. Vom Strukturwandel sind die Menschen in ihrem Lebens- und Selbstwertgefühl getroffen. Wohin die Entwicklung in die Zukunft gehen wird hängt von der Reaktion des Staates, der Wirtschaft und der Gesellschaft auf die Veränderungen ab. Zum Beispiel ist es auch denkbar, daß alle weniger arbeiten, alle eine sinnvolle Beschäftigung finden und nach einer Zeit des Übergangs alle besser leben als bisher.
Für eine positiv gestaltete Zukunft ist jedenfalls eine andere soziale Organisation nötig. Auch in veränderten Strukturen bleibt es eine wichtige Aufgabe des Staates möglichst viele Menschen mit Möglichkeiten zur Erwerbsarbeit zu versorgen. Daneben soll es aber Optionen und Gelegenheit zu sinnvoller Tätigkeit im dritten Sektor geben. Dazu sollten auch vom Staat die nötigen Mittel bereitgestellt werden. Charles Taylor sagt: "Jeder hat das Recht auf eine Aufgabe und damit auf gesellschaftliche Anerkennung." Das erfordert die Anerkennung nichterwerbsmässiger Tätigkeiten. Es erfordert ein Umdenken sowohl beim Einzelnen als auch beim Staat. An gesellschaftlich sinnvoller Arbeit fehlt es nicht, es fehlt an kaufkräftiger Nachfrage.
Um den Wandel als Chance begreifen zu können braucht es eine Politik, die die Idee der aktiven Bürgergesellschaft unterstützt. Diese aktive Bürgergesellschaft besteht im wesentlichen aus Produzenten und nicht nur aus Konsumenten sozialer Güter und Dienste. Das mindert die Entfremdung und steigert die soziale Produktivität insgesamt. Der Sozialstaat kann besser bewahrt werden, weil nicht alle soziale Energie auf ihn fixiert ist. Verantwortliche private Beziehungen werden in der aktiven Bürgergesellschaft nicht überlastet, weil man nicht zuviel von ihnen erwartet, sondern Familien können offen bleiben zur sozialen Umwelt und auch Unterstützung von ihr erfahren. Die gesellschaftlich notwendige Arbeit muß neu bewertet werden und gleichmäßig verteilt werden.
Die Bürgergesellschaft, als "gute Gesellschaft" ist eine "reiche" Gesellschaft, nicht nur in materiellen Sinne. Sie ist nicht umsonst, Zeit und Geld müssen investiert werden. Die Bürgergesellschaft braucht ein gut geordnetes republikanisches Staatswesen, eine erfolgreiche Wirtschaft, Schutz der Privatsphäre, hilfreichen Beistand für Familien und einen sozialen Raum, den 3. Sektor als Betätigungsfeld. Der 3. Sektor als Ort unterschiedlicher Angebote und Nachfragen einer sozial produktiven Gesellschaft, und damit Ort neuer Arbeitsmöglichkeiten, stiftet auch neuen sozialen Zusammenhalt. Städte und Gemeinden sind aufgefordert aktiv zu werden, die konkreten Probleme vor Ort mit Phantasie und Kompetenz zu lösen. Das Prinzip des förderalen Systems sollte aber gestärkt werden: Die Kommunen brauchen mehr Handlungsspielraum und ausreichende Mittel.
Außer Geld braucht der 3. Sektor auch Menschen, die qualifiziert und engagiert sind, die soziale Ressourcen und Engagement mobilisieren. Konkret könnte das als kleine "Task Force" geschehen, Mitarbeiter in öffentlichen Einrichtungen und Institutionen, die danach bezahlt werden, wieviel Menschen sie zu sozialen und bürgerschaftlichen Engagement bewegen konnten. Soziale Dienstanbieter werden gefordert, die nach Leistung und Effektivität der Idee arbeiten, also nach marktwirschaftlichen Kriterien. Das Ehrenamt soll darüber hinaus materiell und ideell aufgewertet werden.
In einer Bürgergesellschaft wird der 3. Sektor Teil einer wechselseitigen
Verpflichtung und der gemeinsamen Verantwortungen. Die Aktivitäten
des 3. Sektors (soziale, ökologische, kulturelle...) bessern die Lebenschancen
der Menschen und die soziale Qualität der Gesellschaft. Das ist ein
positives allgemeines Anliegen, deshalb werden Investitionen in den 3.
Sektor vom Staat finanziert.
In der Bürgergesellschaft lebt der freie, emanzipierte, eigenverantwortliche
Bürger. Um Menschen in diese Richtung zu befähigen, wird es als
dringend notwendig angesehen in Bildung zu investieren, und das nicht ausreichende
Bildungswesen zu reformieren.
Es wird ein Zeitbild entworfen, das im privaten und öffentlichen Bereich Freiheit und Verantwortung nicht als Gegensätze, sondern als die zwei Seiten der gleichen Münze einer modernen Solidarität ansieht.
Helga Lindenberg
Quelle:
Warnfried Dettling, Wirtschafskummerland? Wege aus der Globalisierungsfalle
Kindlerverlag 1998